Sehen durchaus Chancen für die duale Ausbildung, waren sich aber uneins in der Herangehensweise: Prof. Julian Nida-Rümelin (li.), Ministerin Britta Ernst und Prof. Friedrich Hubert Esser. Foto: Matzen

Von Mythen, Selbstkritik und Gleichwertigkeit

Sind wir auf dem Weg in eine Bildungskatastrophe? Oder hat die zunehmende Akademisierung keine negativen Folgen für die duale Ausbildung? Stoff für Diskussionen auf einem Event,  zu dem die Handwerkskammer Mitte April eingeladen hatte.

Aus Sicht des Handwerks  läuft das deutsche System der beruflichen Bildung aktuell in eine „Fehlentwicklung“ hinein, stellte der Flenburger Kammerpräsident Jörn Arp im Husumer NCC fest. Die Kammer hatte eingeladen, um über die Zukunft der dualen Ausbildung zu diskutieren und dazu hochkarätige Redner eingeladen. Arp kritisierte in seiner Begrüßung die Beratungsangebote in Schulen und Arbeitsagenturen, die leistungsstärkerem Schülernachwuchs häufig zum Studium raten und die duale Ausbildung  nicht als gleichwertige Alternative kommunizieren. Bei einer Abiturientenquote von aktuell über 55 Prozent gefährde dies die duale Ausbildung.

Nida-Rümelin sprach sich dafür aus, "wegzukommen von der Rhetorik der Abwertung des nicht akademischen“. Er kritisierte in diesem Zusammenhang auch die OECD- Studien zum Thema Akademisierungsquoten im internationalen Vergleich, die gerne von Politikern herangezogen würden. Zwar hätte die OECD die berufliche Bildung in Deutschland entdeckt, die nachweislich auch Ursache für die geringe Jugendarbeitslosigkeit sei. Die OECD vertrete aber auch die Theorie, dass sinkende Konkurrenzfähigkeit und Innovationskraft nur mit einer Erhöhung der Akademikerquote zu beherrschen sei. „Der internationale Vergleich sei aber ein Vergleich von Äpfel mit Birnen. Die angelsächsischen Länder kennen keine Form der beruflichen Ausbildung und haben dadurch auch eine höhere Akademikerquote.“


» „Die Differenzierung beginnt ja bereits in der Schule. Wenn jemand schlecht in Mathe und Deutsch ist und das Abitur nicht erreicht, wieso ist er denn automatisch besonders begabt als Tischler?“ «

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

Der Leiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, sieht im Begriff „Bildungskatastrophe“ eher eine rhetorische Zuspitzung.

„Für mich ist es eher ein Bildungstrend“, so Esser. Und dieser Trend habe Ursachen. Dabei empfahl er dem Handwerk auch eine kritische Selbstbetrachtung.
Die „Bildungsexpansion“, die Esser aktuell beobachtet, signalisiere jedenfalls den Schü- lern, dass ein „höherer Abschluss deutlich mehr Möglichkeiten bietet.“ Daraus resultierten „Ansprüche an eine Beruflichkeit“ – ein guter Verdienst, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis hin zu guten Aufstiegschancen.

» Und hier stehen wir vor der Frage, wie es auch kleineren und mittleren Betrieben gelingen kann, mit ihrem Ausbildungsangebot attraktiv für Schüler zu sein «

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser

Bildungsministerin Britta Ernst

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Britta Ernst bekräftigte, dass die Einstufung des Meistertitels auf Höhe des Bachelorabschlusses im Europäischen Qua-
lifikationsrahmen ein wichtiger Schritt sei. „Das ist der Zentralschlüssel für eine parallele Wertigkeitsstruktur“, stelllte sie fest. Sie plädierte aber auch dafür, nicht die hohe Abiturientenquote zu kritisieren:  „Dies  ist einfach der Wunsch vieler Schülerinnen und Schüler und natürlich auch deren Eltern.“ Dass viele Hürden  auf dem Weg zum Abi-
tur abgebaut worden seien, habe „faktisch zu mehr sozialer Gerechtigkeit geführt“. Auch verwehrte  sie sich gegen die Kritik am Trend zu mehr Bildung. Letztlich würden auch von Seiten der Arbeitswelt höhere Anforderungen an zukünftige Bewerber gestellt werden.
Dass aktuell das Thema so diskutiert werde, sei aus ihrer Sicht letztendlich auch ein Zeichen dafür, dass der demografische Wandel den Kampf um die Köpfe zugespitzt habe. Abschließend verwies sie darauf, dass die „Gruppe derer, die überhaupt für eine duale Ausbildung in Frage kommen, natürlich auch kleiner geworden sind."